Spieldesign & Wissenschaft
Gute Denkspiele: Woran erkennt man sie?
Kaum eine App-Beschreibung, die sich nicht selbst als „gutes Denkspiel“ bezeichnet. Aber woran erkennt man das eigentlich, jenseits von Marketingversprechen? Hier sind fünf nachvollziehbare Kriterien, ein ehrlicher Blick auf das, was die Wissenschaft über Gehirntraining tatsächlich sagt, und ein paar Beispiele, die diese Kriterien wirklich erfüllen.
Was Gehirntraining wirklich bringt (und was nicht)
2014 unterschrieben über 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Stanford Center on Longevity und dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung eine gemeinsame Erklärung: Es gebe keine überzeugenden Belege dafür, dass kommerzielle Gehirntraining-Software die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit im Alltag verbessert oder altersbedingtem Abbau vorbeugt. Wenige Monate später widersprach eine zweite Gruppe von 133 Forschenden und Praktikern und verwies auf Studien, die durchaus Effekte zeigten. Der Streit ist bis heute nicht vollständig geklärt.
Ziemlich klar ist dagegen, was tatsächlich passiert: Wer ein bestimmtes Denkspiel übt, wird in genau diesem Spiel besser - das ist unstrittig und gut belegt. Ob sich diese Verbesserung auf andere Aufgaben, den Alltag oder gar das Demenzrisiko überträgt, der sogenannte Transfer-Effekt, ist die eigentlich strittige Frage. Eine umfassende Übersichtsarbeit von Daniel Simons und Kolleginnen kam 2016 zu einem vorsichtigen Schluss: Belege für einen engen Transfer auf sehr ähnliche Aufgaben gibt es, für einen breiten Transfer auf allgemeine Intelligenz oder Alltagsleistung fehlen sie weitgehend.
Was heißt das für die Auswahl eines Denkspiels? Es muss nicht mit „macht schlauer“ oder „schützt vor Demenz“ werben, um sein Geld wert zu sein. Es reicht, wenn es genau das tut, was gute Spiele überhaupt tun sollen: fordern, ohne zu überfordern, und die Zeit, die man investiert, auch wert sein.
„Die wissenschaftliche Literatur stützt nicht die Behauptung, dass softwarebasierte Gehirnspiele die neuronale Funktion so verändern, dass sich die allgemeine kognitive Leistung im Alltag verbessert.“Gemeinsame Erklärung von 70 Forschenden, Stanford Center on Longevity & Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, 2014
Fünf Kriterien für ein gutes Denkspiel
Klare, einfache Regeln
Eine gute Regel lässt sich in einem Satz erklären und lässt trotzdem Raum für Tiefe. Wenn man erst ein Handbuch braucht, um die erste Aufgabe zu verstehen, ist etwas schiefgelaufen.
Fairer Schwierigkeitsgrad
Die Herausforderung soll mit dem Können wachsen, nicht sprunghaft überfordern. Gute Denkspiele lassen früh Erfolge zu und werden erst allmählich kniffliger.
Kein erzwungener Zeitdruck
Nicht jedes Denkspiel muss hektisch sein. Wer in Ruhe nachdenken will, braucht Spiele, die genau das erlauben - ohne Timer, ohne Highscore-Zwang.
Faire Monetarisierung
Werbung nach jedem Level oder ein Abo mit versteckten Fallen sind das Gegenteil von entspannend. Ein einmaliger Kauf oder eine klar begrenzte Gratisversion respektiert die Zeit der Spielenden mehr.
Echter Wiederspielwert
Gute Denkspiele halten auch nach dem hundertsten Rätsel noch Überraschungen bereit - neue Konstellationen und Level, nicht dieselbe Aufgabe im neuen Anstrich.
Diese fünf Punkte waren die Leitplanken beim Bau von Cartographer:
- Eine Regel in einem Satz: Nachbarn dürfen nie dieselbe Farbe tragen.
- Vier Schwierigkeitsstufen, von leichten Inseln bis zu verschlungenen Küsten.
- Kein Timer, kein Highscore - so viel Zeit, wie man braucht.
- Einmaliger Kauf statt Abo, keine Werbung.
- 120 handgezeichnete Karten.
Klassische und moderne Beispiele guter Denkspiele
Die Kriterien oben lassen sich an ein paar altbekannten und neueren Spielen gut zeigen - unabhängig davon, ob sie auf Papier, am Brett oder auf dem Handy gespielt werden.
- SudokuEine Regel, unendlich viele Rätsel, kein Zeitdruck nötig - der Klassiker unter den ruhigen Denkspielen, seit Jahrzehnten unverändert beliebt.
- SchachproblemeEine feste Stellung, eine klare Aufgabe wie „Matt in zwei Zügen“, keine Zufallselemente - reine, konzentrierte Logik ohne Zeitdruck.
- 2048Eine simple Regel, ein Spielfeld, zunehmend kniffliger, komplett kostenlos - ein Beispiel dafür, wie wenig ein gutes Denkspiel eigentlich braucht.
- Ruhige FarbrätselSpiele, die Flächen nach Farbverläufen sortieren, zeigen, dass meditative Rätsel ohne Zeitdruck oder Gegner ein eigenes, großes Publikum haben.
- CartographerÜberträgt dasselbe Prinzip auf einen mathematischen Satz: eine einzige Regel, 120 Karten, kein Zeitdruck, kein Abo.
Warum mathematische Rätsel wie der Vier-Farben-Satz gut funktionieren
Denkspiele, die auf einem echten mathematischen Satz beruhen, haben einen Vorteil, den sich andere Rätsel erst mühsam erarbeiten müssen: Man weiß von vornherein, dass jede einzelne Karte lösbar ist, weil ein Beweis das für jede denkbare Karte garantiert - nicht nur für die vorliegende. Genau darum geht es beim Vier-Farben-Satz, dem mathematischen Fundament von Cartographer: die ganze Geschichte, die Beweisidee und alle Ausnahmen des Satzes sind einen eigenen Artikel wert.
Selbst ausprobieren, was gutes Denkspiel-Design bedeutet
Cartographer ist ein Kartenrätsel über den Vier-Farben-Satz: 120 handgezeichnete Inselkarten, eine einzige Regel, kein Zeitdruck. Die ersten 10 Karten sind kostenlos, direkt im Browser gibt es eine spielbare Demo.
Häufige Fragen zu guten Denkspielen
Was macht ein gutes Denkspiel aus?
Klare, in einem Satz erklärbare Regeln, ein Schwierigkeitsgrad, der mit dem Können mitwächst, kein erzwungener Zeitdruck, faire Monetarisierung ohne Werbe- oder Abo-Fallen, und echter Wiederspielwert statt derselben Aufgabe im neuen Anstrich.
Verbessern Denkspiele wirklich das Gedächtnis?
Sie verbessern nachweislich die Leistung in der geübten Aufgabe selbst. Ob das auf den Alltag oder andere Fähigkeiten übertragbar ist, ist wissenschaftlich umstritten - eine Erklärung von 70 Forschenden 2014 verneinte das, eine Gegenerklärung von 133 Forschenden widersprach.
Sind kostenlose Denkspiele genauso gut wie bezahlte?
Das hängt nicht vom Preis ab, sondern vom Geschäftsmodell. Ein Freemium-Spiel mit fairer Gratisversion und einmaligem Kauf für den Rest kann besser sein als eine bezahlte App mit aggressiver Werbung.
Welche Denkspiele eignen sich für Erwachsene ohne Zeitdruck?
Spiele ohne Timer und ohne Highscore-Zwang: klassisches Sudoku, Schachprobleme, ruhige Farbrätsel oder mathematisch fundierte Kartenrätsel wie Cartographer, bei denen man so lange nachdenken kann, wie man möchte.
Was unterscheidet ein Denkspiel von einem Geschicklichkeitsspiel?
Bei einem Denkspiel entscheidet die richtige Überlegung über Erfolg oder Misserfolg, nicht Reaktionszeit oder motorische Präzision. Ein Denkspiel bleibt lösbar, egal wie lange man sich Zeit lässt.
Ist der Vier-Farben-Satz ein gutes Thema für ein Denkspiel?
Ja, weil er eine seltene Eigenschaft mitbringt: Man weiß von vornherein, dass jede Karte lösbar ist, und die einzige Regel - Nachbarn brauchen unterschiedliche Farben - lässt sich in einem Satz erklären.
Quellen & weiterführende Literatur
- „A Consensus on the Brain Training Industry from the Scientific Community“. Offener Brief von 70 Forschenden, Stanford Center on Longevity & Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, 2014. PDF.
- „Cognitive Training Data: A Response to the Consensus Statement“. Gegenerklärung von 133 Forschenden und Praktikern, 2014. Zum Brief.
- Daniel J. Simons u. a.: „Do „Brain-Training“ Programs Work?“. Psychological Science in the Public Interest, 17(3), 2016, S. 103-186. PDF.
- Gehirnjogging, Wikipedia (deutsch) - als schneller Überblick.
- Der Vier-Farben-Satz einfach erklärt - Geschichte, Beweis und Beispiele des mathematischen Satzes hinter Cartographer.