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Mathematik verständlich erklärt

Der Vier-Farben-Satz einfach erklärt

Vier Farben genügen für jede Landkarte der Welt - das ist der Vier-Farben-Satz. Ein Satz, der sich in einer Zeile sagen lässt, aber 124 Jahre und schließlich einen Computer brauchte, um bewiesen zu werden. Hier ist die ganze Geschichte: was der Vier-Farben-Satz besagt, warum er so schwer zu beweisen war, wie der Beweis am Ende doch gelang - und wo er an seine Grenzen stößt.

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Was besagt der Vier-Farben-Satz?

Der Vier-Farben-Satz ist eine der knappsten Aussagen der Mathematik: Jede Landkarte lässt sich mit höchstens vier Farben so einfärben, dass keine zwei benachbarten Gebiete dieselbe Farbe tragen. Egal wie viele Länder die Karte hat und wie verschlungen ihre Grenzen verlaufen - vier Farben reichen immer.

Zwei Begriffe darin sind genauer gefasst, als es beim ersten Lesen wirkt. Benachbart sind zwei Gebiete nur, wenn sie eine echte Grenzlinie teilen - ein einzelner Berührungspunkt zählt nicht. Und jedes Gebiet muss zusammenhängend sein, ein Land aus zwei getrennten Teilen zählt nicht als eines. Beide Einschränkungen wirken wie Kleingedrucktes, sind aber der Grund, warum der Vier-Farben-Satz überhaupt beweisbar ist - und warum er, wie weiter unten beschrieben, auf manche echten Landkarten nicht sauber passt.

Mathematisch ist der Vier-Farben-Satz eigentlich eine Aussage über Graphen, nicht über Landkarten: Jede Karte lässt sich in einen sogenannten planaren Graphen übersetzen, indem jedes Gebiet zu einem Punkt und jede gemeinsame Grenze zu einer Verbindungslinie wird. Der Vier-Farben-Satz sagt dann: Jeder planare Graph lässt sich mit höchstens vier Farben so färben, dass zwei durch eine Linie verbundene Punkte nie dieselbe Farbe tragen. Landkarten sind nur die anschaulichste Version dieser abstrakteren, allgemeineren Aussage.

Zwei Farben reichen, wenn sich Gebiete einfach abwechseln.

Drei gegenseitig angrenzende Gebiete erzwingen drei Farben.

Manchmal braucht es wirklich alle vier Farben.

Warum ist der Vier-Farben-Satz nicht offensichtlich?

Dass drei Farben manchmal nicht reichen, lässt sich in Sekunden zeigen: Drei Gebiete, die sich alle gegenseitig berühren, brauchen drei verschiedene Farben. Naheliegend wäre die Vermutung, dass sich dieser Trick beliebig weitertreiben lässt - fünf gegenseitig angrenzende Gebiete für fünf Farben, sechs für sechs, und so weiter, ohne Obergrenze. Genau das passiert aber nicht. Ab einer bestimmten Grenze verhindert die reine Geometrie der Ebene, dass sich beliebig viele Gebiete gegenseitig berühren können - und diese Grenze liegt bei vier. Der Vier-Farben-Satz ist die Aussage, dass diese Grenze nicht nur für kleine, sondern für jede noch so komplizierte Landkarte gilt. Genau dieser Sprung von "in jedem bisher betrachteten Fall" zu "in jedem denkbaren Fall, für immer" macht aus einer Beobachtung einen Satz - und aus einem Satz ein 124 Jahre altes offenes Problem.

Die Geschichte des Vier-Farben-Satzes

Die Vermutung stammt von einem Studenten: 1852 färbte der Londoner Francis Guthrie eine Karte der englischen Grafschaften und bemerkte, dass er nie mehr als vier Farben brauchte, wie er die Grenzen auch zog. Sein Bruder Frederick trug die Frage an den Mathematiker Augustus De Morgan heran, der sie noch am selben Tag - dem 23. Oktober 1852 - in einem Brief an William Rowan Hamilton weitergab. Hamilton zeigte sich uninteressiert, doch De Morgan ließ die Frage nicht los und trug sie in der mathematischen Gemeinschaft Londons weiter.

1878 trug Arthur Cayley die weiterhin ungelöste Frage vor die London Mathematical Society. Ein Jahr später veröffentlichte der Anwalt und Hobbymathematiker Alfred Kempe einen Beweis, der elf Jahre lang als gültig galt. Kempes Methode - heute als Kempe-Ketten bekannt - ist selbst hübsche Mathematik: Man betrachtet zwei der vier Farben und verfolgt die zusammenhängende Kette von Gebieten, die abwechselnd nur diese beiden Farben tragen. Lässt sich diese Kette an einer Stelle durchtrennen, kann man die beiden Farben auf einem Teil der Kette einfach vertauschen, ohne irgendwo einen Konflikt zu erzeugen - und schafft sich so Platz für die vierte Farbe an der Stelle, die vorher Schwierigkeiten machte. Parallel dazu versuchte sich 1880 auch Peter Guthrie Tait an einem eigenen Beweis.

1890 fand Percy Heawood die Lücke in Kempes Argument: Für bestimmte Konstellationen lassen sich zwei Ketten nicht unabhängig voneinander vertauschen, ohne dass sich an anderer Stelle ein neuer Konflikt öffnet. Kempes Beweis war widerlegt - der Vier-Farben-Satz wieder offen. Heawood rettete aus den Trümmern immerhin den Fünf-Farben-Satz: Mit Kempes Kettentechnik lässt sich vollständig von Hand beweisen, dass fünf Farben für jede Landkarte immer reichen. Nur der letzte, entscheidende Schritt von fünf auf vier blieb unbewiesen. 1891 widerlegte zudem Julius Petersen auch Taits Beweisversuch von 1880. Für fast ein weiteres Jahrhundert blieb der Vier-Farben-Satz eine offene Vermutung.

Der Beweis von 1976: Computer gegen Handrechnung

Erst 1976 gelang Kenneth Appel und Wolfgang Haken an der University of Illinois der Durchbruch - aber nicht auf dem Papier. Ihre Beweisstrategie folgt einem Muster, das schon Kempe vorschwebte: Man nimmt an, es gäbe eine Landkarte, die den Vier-Farben-Satz verletzt, und wählt unter allen solchen Gegenbeispielen das kleinstmögliche. Dann zeigt man, dass dieses minimale Gegenbeispiel unmöglich ist - und damit auch jedes größere, denn ein größeres ließe sich immer auf ein kleineres zurückführen.

Der Trick liegt darin, eine unvermeidbare Menge reduzierbarer Konfigurationen zu finden: eine Liste von Kartenmustern, von denen mindestens eines in jedem minimalen Gegenbeispiel vorkommen muss (unvermeidbar), und von denen sich jedes einzelne als unmöglich erweisen lässt (reduzierbar). Um diese Liste überhaupt zu finden, nutzten Appel und Haken die sogenannte Entladungsmethode: Jedem Gebiet wird eine Startladung zugewiesen, die von der Zahl seiner Nachbarn abhängt, und diese Ladung wird nach festen Regeln zwischen benachbarten Gebieten umverteilt - ähnlich wie in einem elektrischen Netzwerk. Am Ende zeigt sich, welche Gebiete zwangsläufig zu einer der reduzierbaren Konfigurationen gehören müssen.

Am Ende blieben 1.936 Konfigurationen übrig, später auf 1.476 verkleinert - viel zu viele, um sie von Hand zu prüfen. Appel und Haken ließen einen Computer rund 1.200 Stunden lang rechnen. Das Ergebnis: Der Vier-Farben-Satz stimmt. Aber kein Mathematiker konnte den Beweis mehr von Anfang bis Ende von Hand nachvollziehen - er war schlicht zu lang für einen Menschen, nicht zu schwer.

„Four colors suffice.“Poststempel der University of Illinois, nach 1976 jahrelang im Umlauf

Das sorgte für echten Streit in der mathematischen Gemeinschaft. War ein Beweis, den man nicht mehr lesen, sondern nur noch laufen lassen konnte, überhaupt ein Beweis? 1989 veröffentlichten Appel und Haken eine rund 400 Seiten lange, vollständige Beweisführung. 1997 verkleinerten Neil Robertson, Daniel Sanders, Paul Seymour und Robin Thomas die nötige Fallzahl auf 633 - der Beweis wurde einfacher, blieb aber computergestützt. Die endgültige Beruhigung kam erst 2005: Georges Gonthier und Benjamin Werner ließen den kompletten Beweis noch einmal von einem sogenannten Beweisassistenten namens Coq überprüfen - einer Software, die jeden einzelnen logischen Schritt formal nachrechnet, ohne die kleinste Lücke für Zweifel zu lassen.

1.476 Kartenmuster sind eher etwas für Computer. Eine einzelne Insel dagegen lässt sich gut von Hand lösen - in Cartographer warten 120 davon.

Warum keiner den Beweis komplett von Hand nachrechnen kann

Der Unterschied zwischen dem Vier-Farben-Satz und dem Fünf-Farben-Satz zeigt gut, worum es hier eigentlich geht. Der Fünf-Farben-Satz - die schwächere Aussage, dass fünf Farben immer reichen - lässt sich mit Kempes Kettentechnik vollständig von Hand beweisen, auf wenigen Seiten, von jedem Mathematikstudierenden nachvollziehbar. Beim Vier-Farben-Satz dagegen ist die Zahl der Fälle, die die Entladungsmethode am Ende offen lässt, schlicht zu groß für ein menschliches Gehirn - nicht zu kompliziert, sondern zu viel. Das war 1976 etwas komplett Neues: der erste bedeutende mathematische Beweis, der wesentlich auf einen Computer angewiesen war. Heute ist das in vielen Teilgebieten der Mathematik normal, aber der Vier-Farben-Satz war der Fall, an dem die Fachwelt zum ersten Mal ernsthaft fragen musste, was ein Beweis eigentlich ist, wenn ihn kein Mensch mehr vollständig prüfen kann.

Wo der Vier-Farben-Satz an seine Grenzen stößt

Der Vier-Farben-Satz beschreibt reine Geometrie - sobald echte Länder und echte Grenzen ins Spiel kommen, zeigt er auch seine Grenzen.

Ein Punkt ist keine Grenze

Nachbarschaft zählt nur, wenn zwei Gebiete eine echte Grenzlinie teilen. Am „Four Corners“ in den USA berühren sich Arizona, Colorado, New Mexico und Utah in einem einzigen Punkt - nach dem Vier-Farben-Satz dürften alle vier sogar dieselbe Farbe tragen. Auf echten Karten wird trotzdem meist unterschiedlich eingefärbt, damit die Grenze überhaupt sichtbar bleibt.

Exklaven zählen nicht als ein Gebiet

Jedes Gebiet muss zusammenhängend sein. Russlands Oblast Kaliningrad liegt getrennt vom übrigen Staatsgebiet, eingeschlossen zwischen Polen und Litauen. Verlangt eine Karte, dass beide Teile dieselbe Farbe tragen, kann sie mehr als vier Farben brauchen - der Vier-Farben-Satz kennt eben nur Geometrie, keine Politik. Enklaven wie San Marino, die vollständig innerhalb eines einzigen Nachbarn liegen, sind dagegen unproblematisch: Sie sind selbst zusammenhängend und brauchen nur eine von der Umgebung verschiedene Farbe.

Andere Oberflächen brauchen mehr Farben

Der Vier-Farben-Satz gilt für die Ebene und die Kugeloberfläche - für flache Landkarten und Weltkugeln also. Auf einem Torus, einer donutförmigen Fläche, reichen vier Farben dagegen nicht mehr: Dort werden bis zu sieben Farben gebraucht, wie Gerhard Ringel und J. W. T. Youngs 1968 für alle diese Flächen zeigten. Nur eine einzige Ausnahme gibt es dabei selbst wieder: die Kleinsche Flasche, auf der schon sechs statt sieben Farben genügen.

Der Vier-Farben-Satz in der Praxis: Graphfärbung

Der Vier-Farben-Satz selbst ist eine Aussage über Landkarten und planare Graphen - aber die dahinterliegende Idee, das Einfärben von Graphen so, dass verbundene Punkte nie dieselbe Farbe teilen, ist als Graphfärbung ein eigenes, viel allgemeineres Werkzeug der Informatik. Bei der Stundenplanung etwa werden Veranstaltungen zu Punkten, und zwei Veranstaltungen werden verbunden, wenn sie sich nicht überschneiden dürfen - zum Beispiel, weil dieselbe Lehrkraft beide hält. Eine gültige Färbung entspricht dann einem Stundenplan ohne Kollisionen, wobei jede Farbe ein Zeitfenster ist. Auch bei der Registerzuweisung in Compilern, wenn Programmvariablen auf eine begrenzte Zahl von Prozessorregistern verteilt werden müssen, ist das Grundproblem dasselbe. Anders als bei Landkarten sind diese Graphen aber meist nicht planar - die Vier-Farben-Grenze gilt dort also nicht, oft werden deutlich mehr Farben gebraucht. Was bleibt, ist die Idee, die der Vier-Farben-Satz berühmt gemacht hat.

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Cartographer übersetzt den Vier-Farben-Satz in ein Spiel: 120 handgezeichnete Inselkarten, bei denen genau diese Regel gilt - Nachbarn dürfen nie dieselbe Farbe tragen. Die ersten 10 Karten sind kostenlos, direkt im Browser gibt es eine spielbare Demo.

Häufige Fragen zum Vier-Farben-Satz

Was ist der Vier-Farben-Satz in einem Satz?

Der Vier-Farben-Satz besagt, dass sich jede Landkarte mit höchstens vier Farben so einfärben lässt, dass keine zwei Gebiete mit gemeinsamer Grenzlinie dieselbe Farbe tragen.

Wie beweist man den Vier-Farben-Satz?

Der einzige bekannte Beweis prüft rechnerisch eine unvermeidbare Menge reduzierbarer Kartenmuster durch - 1976 waren es 1.476 Stück, geprüft von einem Computer. Von Hand ist dafür kein Weg bekannt.

Kann eine Landkarte mit nur drei Farben auskommen?

Viele Karten schon, manche brauchen aber wirklich alle vier. Der Vier-Farben-Satz ist die Garantie für den ungünstigsten Fall: mehr als vier sind nie nötig, aber vier reichen nicht immer weniger aus.

Ist der Vier-Farben-Satz für jede Landkarte gültig?

Nur unter zwei Bedingungen: Nachbarschaft zählt allein bei einer gemeinsamen Grenzlinie, nicht bei einem einzelnen Berührungspunkt, und jedes Gebiet muss zusammenhängend sein. Länder mit Exklaven wie Kaliningrad erfüllen die zweite Bedingung nicht.

Wer hat den Vier-Farben-Satz bewiesen?

Kenneth Appel und Wolfgang Haken, 1976 an der University of Illinois. Ihr Beweis wurde 1997 vereinfacht und 2005 von Georges Gonthier und Benjamin Werner mit dem Beweisassistenten Coq vollständig formal bestätigt.

Warum ist der Beweis des Vier-Farben-Satzes umstritten?

Weil kein Mensch ihn je vollständig von Anfang bis Ende von Hand nachvollzogen hat - ein Computer prüfte 1976 tausende Kartenmuster durch. Das war der erste große mathematische Beweis, der auf einen Rechner angewiesen war, und stieß auf Skepsis: Zählt das noch als Beweis?

Quellen & weiterführende Literatur

  1. Robin Wilson: Four Colours Suffice: How the Map Problem Was Solved. Allen Lane, 2002. Digital im Internet Archive.
  2. MacTutor History of Mathematics, University of St Andrews: The Four Colour Theorem - die Geschichte von Guthrie bis Heawood.
  3. Kenneth Appel, Wolfgang Haken: Every Planar Map is Four Colorable. Contemporary Mathematics 98, American Mathematical Society, 1989. AMS Bookstore.
  4. Neil Robertson, Daniel Sanders, Paul Seymour, Robin Thomas: „The Four-Colour Theorem“. Journal of Combinatorial Theory, Series B, 70(1), 1997, S. 2-44. DOI 10.1006/jctb.1997.1750.
  5. Georges Gonthier: „Formal Proof - The Four-Color Theorem“. Notices of the AMS, 55(11), 2008, S. 1382-1393. PDF.
  6. Vier-Farben-Satz, Wikipedia (deutsch) - als schneller Überblick.